Nasreddin Hoca
Untitled Document
Nasreddin Hoca ist der berühmte türkische Volksweise. Er war der Vorbereiter
der epischen Gattung von Schwank und Satire, worin er die Gefühle und Feinheiten
in der Volkssprache wiedergab.
Er wurde im Vorort Hortu von Sivrihisar geboren und starb in Akþehir.
Sein Vater war der Geistliche des Dorfes. Nasreddin Hoca besuchte die Medrese
(Theologieschule) in Sivrihisar, kehrte nach dem Tod seines Vaters zurück und
nahm als Geistlicher des Dorfes seines Vaters Platz ein. 1237 ging er nach Akþehir,
wo er seine Untersuchungen im Islambereich fortsetzte. Aufgrund seiner Dienstleistungen
in diesem Bereich hat man ihn mit dem Namen "Hodscha" beehrt. Sein
Leben und verschiedene Ereignisse wurden jahrelang von Munde zu Munde weitererzaehlt
und gewannen somit aussergewöhnliche Besonderheiten.
Nasreddin Hocas Wert kann nicht mit den erzaehlten Erlebnissen, sondern mit
der Feinheit der Bedeutung, des Humors und der Ironie der Schwanke gemessen
werden. In seinen Schwaenken kann man die Lebensweise, den Humor und die Ironie
des anatolischen Volkes erkennen. Alle Anekdoten beinhalten Liebe, Ironie und
Humor. Die Gefühle des anatolischen Volkes in verschiedenen Situationen und
negative oder positive Reaktionen werden humorvoll ausgedrückt.
Sein Esel spielt eine grosse Rolle in seinen Anekdoten, Erzaehlungen und in
seinem Leben. Eigentlich ist der Esel ein Mittel der Satire und Ironie und ein
Symbol für das Erdulden von Leiden, Sorgen, Strafen und Hunger.
Der Einfluss des Hocas breitete sich unter der gesamten Gesellschaft aus. Er
ermöglichte die Verbreitung der Gedanken und Gefühle der Menschen aus verschiedenen
Regionen Anatoliens.
Einige Beispiele:
Aelterer Bruder
Als Nasreddin Hodscha noch ein Kind war, fragte ihn ein Erwachsener: “Wer ist
aelter, du oder dein Bruder?”
Nasreddin dachte eine Weile nach und antwortete dann: “Letztes Jahr erzaehlte
meine Mutter mir, dass mein Bruder ein Jahr aelter sei als ich. Demnach müssten
wir in diesem Jahr gleichaltrig sein.”
Treppensturz
Eines Tages fragten die Nachbarn Nasreddin Hodscha: “Wir haben in deinem Haus
grossen Laerm gehört und uns Sorgen gemacht. Was war denn los?” Der Hodscha
antwortete: “Mein Mantel fiel die Treppe herunter.”
Erstaunt erwiderten die Nachbarn: “Aber Hodscha, ein Mantel besteht doch aus
Stoff und macht keinen Laerm beim Fallen!”
Da erwiderte der Hodscha ungehalten: “Nun ja, ich steckte noch im Mantel drin!”
Ein Traum
An einem heissen Sommertag hielt der Hodscha auf seiner Veranda ein Schlaefchen.
Dabei traeumte er, dass eine ihm völlig fremde Person ihm zehn Goldstücke geben
wollte. Der Unbekannte zaehlte dem Hodscha ein Goldstück nach dem anderen in
die Hand, bis er beim zehnten ankam, das er nur zögernd geben wollte.
Ungeduldig rief der Hodscha: “Mach schon, worauf wartest du! Du hast mir zehn
Goldstücke versprochen.”
Genau in diesem Augenblick wachte er auf, schaute sofort auf seine Hand und
sah, dass sie leer war. Da schloss er die Augen ganz schnell wieder, streckte
seine Hand aus und sagte: “Schon gut. Ich bin auch mit neun zufrieden!”
Unleserliche Handschrift
Nasreddin Hodscha galt als gebildeter Mann, denn er hatte die besten Schulen
der Stadt besucht. Einmal suchte ihn ein armer Bauer auf, der weder lesen noch
schreiben konnte, und bat ihn, einen Brief für ihn zu schreiben.
“Wohin willst du den Brief denn schicken?” fragte Nasreddin Hodscha.
“Nach Bagdad”, erwiderte der Bauer.
“Da kann ich doch nicht hingehen!” erwiderte der Hodscha.
Verwundert sagte der Bauer: “Aber du musst doch gar nicht hingehen, ich möchte
nur den Brief hinschicken.”
Da erklaerte ihm der Hodscha: “Verstehst du denn nicht? Niemand kann meine Handschrift
lesen. Darum müsste ich selbst hingehen, um den Leuten den Brief vorzulesen.”
Iss, mein Pelz, iss
Eines Tages ging Nasreddin Hodscha in seiner Heimatstadt Akþehir an einem Haus
vorbei, in dem eine Hochzeit gefeiert wurde. Zu gerne wollte er ebenfalls an
der Festtafel Platz nehmen. Da aber seine Kleidung alt und sein Aussehen unscheinbar
waren, nahm niemand von ihm Notiz. Man liess ihn in einer Ecke neben der Tür
sitzen und bald darauf ging Nasreddin Hodscha nach Hause. Er zog seinen schönsten
und neuesten Pelz an und kehrte so ins Hochzeitshaus zurück.
Diesmal wurde er schon an der Tür begrüsst und man wies ihm einen Platz am Kopf
der Tafel zu. Als das Essen gereicht wurde, sagte der Hodscha : "Iss, mein
Pelz, iss!" und bot seinem Pelz die Speisen an, die er selbst nicht ass.
Schliesslich kam dieses Verhalten allen Gaesten seltsam vor und sie fragten:
"Hodscha, warum isst du nicht selbst, sondern bietest die Speisen deinem
leblosen Pelz an?"
Da erzaehlte der Hodscha, wie es ihm bei seinem ersten Kommen ergangen war,
und sagte: "Die ganze Aufmerksamkeit gilt dem Pelz, also soll er auch essen!"
Das Gewicht der Katze
Nasreddin Hodscha ass gerne Fleisch und brachte eines Tages ein ganzes Kilo
vom Markt nach Hause. Er überliess das Fleisch seiner Frau zur Zubereitung und
verliess das Haus wieder, um noch einige Besorgungen zu machen. In der Zwischenzeit
kamen einige Nachbarinnen zu seiner Frau, und sie lud sie ein, von dem köstlichen
Fleisch zu probieren, von dem bald nichts mehr übrig war. Als der Hodscha zurückkam
und zum Mittagessen nur Suppe serviert bekam, traute er seinen Augen nicht.
"Wo ist das Fleisch?" fragte er seine Frau.
"Das hat die Katze gefressen", erwiderte sie.
Der Hodscha sah die Katze an, die sehr klein und mager war. Er nahm die Katze
und legte sie auf die Waage. Sie zeigte genau ein Kilo an.
Da rief Nasreddin Hodscha sehr erstaunt aus: "Wenn dies das Fleisch ist,
wo ist denn dann die Katze? Wenn aber dies die Katze ist, wo ist dann das Fleisch?"
Gott sei Dank!
Eines Nachts sah der Hodscha im Garten eine dunkle Gestalt mit ausgebreiteten
Armen. Sofort nahm er seinen Bogen, zielte und schoss einen Pfeil ab.
"Oh," sagte er, "ich habe den Kerl getroffen, am Morgen werde
ich mich um ihn kümmern", und legte sich schlafen. Als der Hodscha am naechsten
Morgen in den Garten ging, sah er, was er in der Nacht mit dem Pfeil ins Herz
getroffen hatte: sein eigenes Hemd, das seine Frau am Tag zuvor gewaschen und
zum Trocknen aufgehaengt hatte...
"Gott sei Dank!" rief der Hoca klagend aus. "Gut, dass ich mich
nicht darin befand, sonst waere ich schon laengst gestorben!"
|